Die psychiatrische Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts basierte auf miteinander verbundenen Disziplinen wie Neurologie, Neuroanatomie, Neuropathologie und experimenteller Biologie. Der Psychiater Lothar Kalinowsky ist ein Beispiel für jemanden, der all diese Bereiche zusammenführte, um ein innovatives und multidimensionales Forschungsprogramm in der klinischen Neurowissenschaft zu schaffen. Trotz der Kontroversen um seine bevorzugte Behandlungsmethode leistete der Wissenschaftler einen bedeutenden Beitrag zur Theorie und Praxis der Psychiatrie. Mehr dazu lesen Sie auf berlin.eu.
Ein Emigrant und Innovator
Lothar Kalinowsky wurde am 28. Dezember 1899 in Berlin geboren. 1933 floh er aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Italien und siedelte sieben Jahre später in die USA, genauer gesagt nach Manhattan, über. Dort praktizierte der Arzt über 40 Jahre lang Psychiatrie und Neurologie. Einen Großteil seiner Karriere verbrachte Kalinowsky am Gracie Square Hospital in Manhattan, wo er Mitglied der medizinischen Kommission war. Er beendete seine Tätigkeit 1991, kurz nach seiner Pensionierung. Kalinowskys Emigration mag wie eine Verkettung von Zufällen erscheinen, doch sie ist eine komplexe Geschichte. Seine Mission war es, die Elektroschocktherapie international zu etablieren.

Mitautor eines Lehrbuchs
Bekannt wurde Kalinowsky nicht nur durch seine medizinische Praxis, sondern auch als Mitautor des Lehrbuchs Shock Treatments and Other Somatic Procedures in Psychiatry. Das Buch umfasst acht Kapitel. Zu Beginn geben die Autoren (Kalinowsky und Paul Hoch) einen Überblick über historische organische Behandlungsmethoden in der Psychiatrie, wie Aderlass, Brech- und Abführmittel. Drei Hauptkapitel befassen sich mit physikalischen Therapieformen. Das zweite Kapitel beschreibt die Insulinschocktherapie mit Hinblick auf Indikationen, Kontraindikationen, Komplikationen und Prognosen. Das dritte Kapitel bietet eine ähnliche Übersicht zur Elektroschocktherapie. Darüber hinaus beschreiben die Autoren andere nicht-chirurgische Behandlungsmethoden wie Sedierung mit Lachgas, Gefäßschocks, Dauerschlaftherapie, Fiebertherapie und Elektroschlaf.
Ein ganzes Kapitel (das sechste) widmet sich der präfrontalen Lobotomie – einem neurochirurgischen Eingriff, bei dem Gewebe durchtrennt wird, das die Frontallappen des Gehirns mit anderen Bereichen verbindet. Ziel ist es, den Einfluss der Frontallappen auf andere Strukturen des zentralen Nervensystems zu minimieren. Nach Meinung der Autoren sollten solche chirurgischen Eingriffe in einer Ära effektiver physikalischer Therapien nicht mehr zur Behandlung psychiatrischer Störungen eingesetzt werden.
Kontroverse Behandlungsmethode
Kalinowsky nutzte und propagierte die Elektroschocktherapie als Hauptbehandlungsmethode für psychisch erkrankte Menschen. Dabei werden gezielt Krampfanfälle durch elektrische Reizung des Gehirns ausgelöst. Diese Methode ist auch als Elektrokrampf-, Elektrokonvulsions- oder Schocktherapie bekannt. Während der Behandlung werden kleine Elektroden am Kopf angebracht und kurze elektrische Impulse abgegeben. Die Methode wurde vielfach kritisiert, da sie das Risiko von Hirnschäden birgt und in einigen Fällen zu dauerhaftem Gedächtnisverlust führen kann. 1938 führten die italienischen Wissenschaftler Ugo Cerletti und Lucio Bini diese Therapie ein. In den 1940er- und 1950er-Jahren wurde sie häufig zur Behandlung schwerer Depressionen und paranoider Schizophrenie eingesetzt und teilweise mit Lobotomien kombiniert.

Im 21. Jahrhundert ist die Elektroschocktherapie in einigen Ländern gesetzlich verboten. Die Weltgesundheitsorganisation untersagt ihren Einsatz bei Minderjährigen. Dennoch wird die Methode in bestimmten Fällen, etwa bei schweren psychischen Störungen, weiterhin angewandt. Besonders effektiv ist die Elektrokonvulsionstherapie bei Depressionen (vor allem bei älteren Menschen), Schizophrenie, bipolaren Störungen und manischen Zuständen.
Die Prozedur beginnt mit einer allgemeinen Anästhesie, die den Patienten in tiefen Schlaf versetzt, sodass keine Schmerzen oder Beschwerden empfunden werden. Eine intravenöse Nadel ermöglicht die Verabreichung von Medikamenten und minimiert Nebenwirkungen. Zusätzlich erhalten die Patienten Muskelrelaxanzien, um Verletzungen während der Krampfanfälle zu vermeiden. Zum Schutz der Zähne wird ein Beißschutz eingesetzt.
Die Elektroden werden auf die Kopfhaut gelegt und mit einem speziellen Gel bestrichen, um Hautreizungen und Verbrennungen zu verhindern. Obwohl der elektrische Strom sehr niedrig ist, besteht dennoch ein gewisses Risiko. Für die meisten Behandlungen genügt ein kurzer Stromstoß, um Krämpfe auszulösen. Währenddessen kommt es zu einer elektrischen Aktivität im Gehirn, die geschädigte Zellen aktiviert. Die Therapie bewirkt chemische und elektrische Veränderungen in den betroffenen Hirnregionen und verbessert deren Funktion.
Lebensende
Der Berliner Psychiater verstarb im Alter von 92 Jahren an Herzversagen in seiner Wohnung in Manhattan. Er hinterließ eine Frau, zwei Töchter, fünf Enkel und ebenso viele Urenkel.