9 Februar 2026

Lippenstift als Kunst – Museum der Farben und Geschichten

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In der Liste der talentierten Baumeister Berlins nimmt Richard Paulick einen besonderen Platz ein, den moderne Forscher als den Vater des ostdeutschen Plattenbaus bezeichnen. Als brillanter Designer, weitsichtiger Planer, charismatischer Pädagoge und einfallsreiche Führungspersönlichkeit war der Name dieses Fachmanns in den Berufskreisen des 20. Jahrhunderts weithin bekannt – und doch zugleich von Widersprüchen umgeben. In der DDR wurde er zum Hauptverfechter der modernistischen Utopie – er konzentrierte sich auf die Industrialisierung, die Standardisierung des Wohnraums sowie die Planung und Errichtung neuer sozialistischer Städte. Doch seine Biografie hatte auch andere Seiten – weniger offensichtliche und komplexere. Mehr dazu auf iberlin.

Die Zukunft aus Trümmern bauen

Foto: Technische Universität Dresden, an der Paulick studierte

Alles begann im November 1903 in der kleinen Stadt Roßlau – einem unauffälligen Industriezentrum in der Nähe von Dessau. Dort wurde Richard Paulick geboren – ein Junge, dem es bestimmt war, nicht nur viele Gebäude zu errichten, sondern auch die Idee des Raums an sich neu zu denken. Sein Vater, Richard Senior, war nicht einfach nur ein Handwerker. Als ehemaliger Mitarbeiter der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin stieg er zum Gewerkschaftsaktivisten auf, schrieb für das „Anhalter Volksblatt“ und wurde schließlich zur politischen Stimme der lokalen Gemeinschaft im Freistaat Anhalt. In der Familie Paulick wurde viel über Gerechtigkeit, Arbeit und soziale Ordnung gesprochen, aber gleichzeitig auch über Ästhetik und die Schönheit, die man mit eigenen Händen schaffen kann.

Richard besuchte das Fridericianum – ein Gymnasium in Dessau; sein Traum war es, Kunstgeschichte zu studieren. Doch sein Vater riet ihm zur Architektur, und 1923 schrieb sich der junge Mann an der Technischen Hochschule Dresden (heute Technische Universität Dresden) ein. Aber bevor er Pläne zeichnete, nahm er die Kelle zur Hand – er arbeitete in den Ferien als Maurer in Dessau und Coswig. Er war überzeugt, dass ein Architekt das Material nicht nur mit dem Intellekt, sondern auch mit den Händen spüren müsse. 1925 wurde man auf den talentierten jungen Mann aufmerksam – er wurde in Dessau als Führer engagiert, der nicht nur die Besonderheiten der Stadtlandschaft, sondern auch die neuen Ideen des Raums erklären konnte.

Der Schatten des Bauhauses und seine Ideen

 

Genau zu dieser Zeit entstand Richards Verbindung zum Bauhaus – der einflussreichsten Schule für angewandte Kunst, Design und Architektur des 20. Jahrhunderts. Zuerst waren es Bekanntschaften, später eine enge Zusammenarbeit. Eine sechsmonatige freiberufliche Tätigkeit im Büro von Walter Gropius selbst wurde zum Wendepunkt für Paulick. Gemeinsam mit Georg Muche und Marcel Breuer suchte er nach Antworten auf die Frage, wie die Wohnungskrise in Deutschland überwunden werden könnte. Ihr gemeinsames Experiment war das „Metall-Prototyp-Haus“, das 1926–1927 realisiert wurde – eine Utopie aus Metall, Modularität und Rationalität.

Gleichzeitig studierte Richard jedoch parallel Architektur bei Hans Poelzig an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Nach seinem Abschlussexamen kehrte er als bereits erfahrener junger Architekt in Gropius’ Büro zurück. Ihm wurde die Arbeit an den Projekten für das Arbeitsamt in Dessau und die Siedlung Dessau-Törten anvertraut. Als Gropius im Frühjahr 1928 das Bauhaus verließ und nach Berlin zog, stellte Paulick die Projekte selbstständig fertig. Bereits im Juni 1929 folgte er seinem Lehrer in die Hauptstadt. Bis zum Sommer 1930 blieb er in dessen Team, bevor er seine eigene architektonische Laufbahn begann.

Der Weg ins Exil und der Erfolg in der Fremde

Foto: Shanghai

Im Sommer 1933, als sich der Schatten des Nationalsozialismus über Berlin legte, wartete Richard Paulick nicht auf das Schlimmste. Hastig packte er seine Sachen und verließ die Stadt, die sich rasant veränderte. In Venedig bestieg er einen Ozeandampfer in Richtung Osten und ging wenige Wochen später im Hafen von Shanghai in Hongkou an Land. Das damalige Shanghai wuchs explosionsartig: ein Vertragshafen, gemischte Kulturen, ein Zufluchtsort für Tausende von Exilanten. Genau dort tauchte Paulick in eine neue Realität ein – er stieg in die Firma „Modern Home“ ein, die von seinem Freund Rudolf Hamburger gegründet worden war. Anfangs war es ein kleiner Laden für Inneneinrichtung, doch mit Richards Einstieg verwandelte es sich in ein leistungsstarkes Unternehmen, das „alles für das Zuhause“ anbot: von Möbeln und Stoffen bis hin zur kompletten Innengestaltung. 

Paulick handelte in Shanghai nicht nur mit Stil, er schuf ihn selbst. In den Arbeiten des jungen Meisters vereinten sich Holz, Glas und Chrom; im Design tauchten stromlinienförmige Formen, Kontraste aus satten Farben und Mustern auf. Die Bauhaus-Ästhetik lebte in den fernen Mauern Europas wieder auf: Die Grenzen zwischen Handwerk, Kunst und Technik verschwammen. 1945 übernahm Richard die Leitung des Stadtplanungsamtes von Shanghai und wurde bereits ein Jahr später Chefberater für den Bau der Allchinesischen Eisenbahn. Sein Einfluss reichte weit über die Ateliers hinaus, denn der junge Architekt gestaltete die Infrastruktur des neuen China mit.

Ein Modernist im Dienste der Ideologie

Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Welten zerfiel, beschloss Paulick 1950, nach Hause zurückzukehren, da er in dieser Entscheidung gute Perspektiven für sich sah. Er wog lange ab und entschied sich für die DDR. Und er täuschte sich nicht: Im Land des sozialistischen Systems ging seine Karriere steil bergauf. Richard Paulick arbeitete am Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der Wissenschaften, wurde Mitglied der Deutschen Bauakademie und 1955 deren Vizepräsident. Paulicks bekanntestes Projekt wurde die Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) – ein architektonisches Flaggschiff-Experiment der sozialistischen Hauptstadt. Es war nicht nur Städtebau, sondern ein ideologisches Vorbild, das andere Städte des Landes inspirieren sollte.

Schöpfer der Berliner Staatsoper

Der Name Richard Paulick wird oft nicht nur im Zusammenhang mit der Region Dessau-Roßlau, wo er geboren wurde, genannt, sondern auch mit einem der herausragendsten Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt – der Berliner Staatsoper. In den 1950er und 1960er Jahren war Paulick aktiv am Wiederaufbau des historischen Zentrums Berlins beteiligt, und die Rekonstruktion dieser Institution war eines seiner verantwortungsvollsten Projekte. Nachdem er das von Bomben zerstörte Gebäude inspiziert hatte, beschloss der Architekt, sich dem Neoklassizismus zuzuwenden. Paulick lehnte, gemeinsam mit der DDR-Führung, den Funktionalismus bewusst ab – zugunsten einer stilistischen Harmonie mit der Umgebung. 

In Richard Paulicks Entwurf ahmte die Fassade des Gebäudes die Züge von Bankgebäuden des 19. Jahrhunderts nach, und auf dem Gesims erschienen vergrößerte Kopien von Urnen aus dem Schloss Sanssouci – als Anspielung auf die Kontinuität der deutschen Geschichte. Diese architektonische Geste war politisch und zugleich pragmatisch. Hinter der neoklassizistischen Fassade verbarg sich eine durchaus moderne technische Ausstattung, unsichtbar für den Zuschauer, aber wohlbekannt für diejenigen, die hinter den Kulissen arbeiteten. Das Gebäude wurde zum Symbol eines Kompromisses zwischen Erinnerung und Moderne, Ideologie und Praxis.

Städtebau zwischen Utopie und Realität

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern, und Richard Paulick beschloss, es aus den Trümmern wiederaufzubauen. Er beteiligte sich am Wiederaufbau des zerstörten Dresdens und leitete in Berlin das „Muster- und Experimental-Büro“ an der Deutschen Bauakademie. Dies war nicht nur eine Verwaltungsposition; Paulick trat zugleich als Lehrer, Führungspersönlichkeit und Visionär auf. In Kreisen von Kollegen und Studenten etablierte sich für ihn der halb scherzhafte, aber respektvolle Spitzname – „Professor“.

Bald lastete eine noch größere Verantwortung auf seinen Schultern – der großangelegte Wiederaufbau des zerstörten Hoyerswerda. Die Stadt war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs von sowjetischen Truppen fast dem Erdboden gleichgemacht worden und sollte nach den Plänen der neuen Regierung Wohnraum für die Arbeiter der nahegelegenen, rasant wachsenden Braunkohletagebaue bieten. Paulick entwarf nicht nur Häuser, sondern schuf aus dem Nichts Straßen, in denen Tausende von Menschen leben sollten.

Der Plattenbau und sein Schöpfer

Der Erfolg des Projekts war so bedeutend, dass Richard Paulick zum Chefarchitekten einer ganzen Reihe „sozialistischer Städte“ ernannt wurde. Es sei daran erinnert, dass in den 1950er und 1960er Jahren gerade der Wohnungsbau das bestimmende Element der politischen Architektur im sozialistischen Deutschland war. Paulick wurde zu einem der Hauptideologen des Massenwohnungsbaus im Ostteil der Hauptstadt und zum Schöpfer eines der umstrittensten architektonischen Phänomene der Epoche – des Plattenbaus.

Der Architekt entwickelte ein Modell, bei dem die Häuser aus standardisierten Betonfertigteilen (Platten) zusammengesetzt wurden, was es ermöglichte, schnell, billig und in großen Mengen zu bauen. Diese Bauten wurden zum Symbol der in Beton gegossenen sozialistischen Utopie und gleichzeitig – der gesichtslosen Urbanisierung. Grau, ungestrichen, gleichförmig, aber effizient. Und wenn es einen Architekten gibt, den man als Vater des ostdeutschen Plattenbaus bezeichnen kann, dann ist es Richard Paulick. Sein Beitrag blieb nicht unbeachtet: der Goethe-Preis von Berlin 1951, der Nationalpreis Erster Klasse 1952, der Händel-Preis sowie Orden und Medaillen „Für Verdienste“ um die DDR. 

Im Jahr 1974, als Paulick 70 Jahre alt wurde, trat er plötzlich von seinen Ämtern zurück. Ob dies eine freiwillige oder eine erzwungene Entscheidung war, blieb unbekannt. Richard Paulick wurde all seiner Posten enthoben, und die Pläne für die weitere Entwicklung von Hoyerswerda erstarrten auf dem Papier. Während Erich Honecker die Lorbeeren für den Nachkriegswiederaufbau erntete, verschwand der Architekt, der das Fundament dieses Staates mitentworfen hatte, im Schatten. Forscher vermuten, dass die Gründe hierfür vielschichtig gewesen sein könnten: Der demografische Druck in Deutschland ließ nach, der Bauboom endete – und mit ihm auch Paulicks Karriere.

Ein Erbe, an das man sich erinnert

 

Im März 1979 starb Richard Paulick in Ost-Berlin – still, ohne Pressemitteilungen oder offizielle Beileidsbekundungen. Das System, dem der Architekt sein Leben gewidmet hatte, hatte ihn vergessen: Sein Name verschwand aus den Nachschlagewerken und sein Werk aus den Universitätsprogrammen. Doch die Geschichte hat die Angewohnheit, diejenigen zurückzubringen, die zu Unrecht vergessen wurden. Im 21. Jahrhundert, als das Wohnungsproblem in Berlin wieder aktuell wurde, erinnerten sich Fachleute an das architektonische Erbe Paulicks

Seine Entwürfe wurden nicht mehr als archaisch, sondern als Vorbote neuer urbanistischer Lösungen bezeichnet; das Streben nach Einfachheit und Funktionalität als komfortabel und relevant. So ist im Beton der Projekte des modernen Architekten Richard Paulick eine Epoche erstarrt, die die Welt verändern wollte. Und obwohl dieser Name lange Zeit unbeachtet blieb, hat die Stadt noch die Chance, sich bei dem talentierten Baumeister zu bedanken – nicht nur durch Ehrungen, sondern auch durch die Fortsetzung des Dialogs mit seinen Ideen.

Quellen:

  1. https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/EN/Persons/paulick-richard-en.html
  2. https://alina-iz-berlina.com/2015/05/03/kantgaragenpalast/#more-713
  3. https://bauhauskooperation.com/wissen/das-bauhaus/koepfe/biografien/biografie-detail/person-1447
  4. https://www.bauhaus-imaginista.org/articles/2299/richard-paulick-and-the-remaking-of-a-greater-shanghai-1933-1949
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