Trotz des rasanten Fortschritts moderner Technologien und Möglichkeiten bleibt die Medizin in vielen Bereichen ein weitgehend unbekanntes Feld. Eine dieser Disziplinen ist die Neurologie. Beim Studium der heutigen Neurologie stützen wir uns auf die bahnbrechenden Erkenntnisse der ersten Wissenschaftler, die ein solides Fundament für ihre Nachfolger schufen. Wussten Sie, dass unter den zahlreichen Berliner Ärzten einige der wichtigsten Begründer der modernen Neurologie zu finden sind? Falls nicht, erfahren Sie in unserem Artikel auf berlin.eu mehr über die bemerkenswerten Berliner Wissenschaftler, deren Forschung für die heutige Neurologie von unschätzbarem Wert ist.
Hermann Oppenheim

Hermann Oppenheim war zu Lebzeiten berühmt, ist aber vielen Zeitgenossen heute unbekannt. Tatsächlich ist er eine legendäre Figur in der Medizingeschichte. Oppenheim gilt als einer der besten Ärzte und Forscher der deutschen klinischen Neurologie des 19. Jahrhunderts. Sein Leben widmete er der Erforschung zahlreicher Krankheiten und Symptome. Seine Erkenntnisse ermöglichen es heutigen Ärzten, auch die komplexesten neurologischen Erkrankungen zu behandeln.
Oppenheim begann seine Karriere als Arzt und Assistent in einem Berliner Krankenhaus. Eine Schlüsselrolle in seinem Leben spielte der berühmte Neurologe Carl Westphal, über den wir später sprechen werden.
Seine Forschung entwickelte Oppenheim weiter, nachdem er eine private medizinische Einrichtung gegründet hatte, die später zu einem internationalen Zentrum der Neurologie wurde. Oppenheim war bekannt als Diagnostiker und widmete einen Großteil seines Lebens der Untersuchung neurologischer Störungen. Er verfasste das Lehrbuch der Nervenkrankheiten für Ärzte und Studierende, das bis heute als wertvolle Quelle für Lehre und Forschung gilt.
Darüber hinaus erforschte Oppenheim Traumaneurosen, Syphilis, Poliomyelitis, Alkoholismus und die kongenitale Amyotonie (heute als Oppenheim-Krankheit bekannt). Seine Arbeiten zur Diagnose und Behandlung von Hirnerkrankungen führten zur ersten erfolgreichen Gehirntumoroperation in der Medizingeschichte.
Carl Westphal
Die moderne Medizin verdankt viele ihrer Erkenntnisse dem herausragenden deutschen Psychiater und Neurologen Carl Westphal, der eine Vielzahl neurologischer Krankheiten untersuchte.
Westphal erhielt seine medizinische Ausbildung in Berlin, Zürich und Heidelberg. Bereits im Alter von 22 Jahren promovierte er in Berlin.
Westphal arbeitete lange in der Berliner Charité und wurde später Privatdozent für Psychiatrie an der Berliner Universität. Neben seiner Tätigkeit als Arzt und Forscher war er auch als Journalist und privater medizinischer Berater aktiv.
Seine Forschung zeichnete sich durch innovative Ansätze im Umgang mit psychisch Erkrankten aus. Westphal widmete sich vor allem Erkrankungen des Rückenmarks und der Neurologie. Er entdeckte unter anderem den Pseudosklerose, untersuchte periodische Lähmungen und beschrieb erstmals Agoraphobie – die Angst vor offenen Räumen.
Gemeinsam mit seinem Kollegen Heinrich Erb beschrieb Westphal den tiefen Sehnenreflex. Als Pädagoge bildete er bekannte Neurologen wie Arnold Pick, Hermann Oppenheim und Carl Wernicke aus.
Marthe Vogt

Zu den bedeutendsten Berliner Neurologen zählt auch Marthe Vogt, die als führende Neurologin des 20. Jahrhunderts gilt. Trotz ihres jungen Alters und ihres Geschlechts – damals waren Forscherinnen in diesem Bereich kaum vertreten – stand Vogt auf Augenhöhe mit den renommiertesten Wissenschaftlern.
Vogt begann ihre medizinische Karriere am Institut für Pharmakologie in Berlin, wo sie experimentelle Methoden für pharmakologische Analysen kennenlernte. Bereits in den 1930er Jahren galt sie als führende Pharmakologin in Deutschland. Mit 28 Jahren wurde sie Leiterin der chemischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts. Dort forschte sie zur zentralen Nervenaktivität und den Wirkungen von Substanzen auf das Gehirn.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte Vogt nach Großbritannien, wo sie dem British Pharmacological Society beitrat. In Cambridge arbeitete sie mit E. B. Verney an der Erforschung des Blutdrucks und der Ischämie. Trotz Schwierigkeiten während des Zweiten Weltkriegs setzte Vogt ihre Forschungen fort, was ihr eine herausragende Reputation einbrachte.
Nach dem Krieg arbeitete Vogt an der Universität Edinburgh und erforschte Serotonin und Reserpin. Sie forschte bis in die 1990er Jahre und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.
Karl Bonhoeffer

Ein weniger bekannter Begründer der Neurologie ist Karl Bonhoeffer, ein deutscher Neurologe und Psychiater. Bonhoeffer studierte in Tübingen, Berlin und München. Als Leiter einer psychiatrischen Klinik in Breslau erforschte er psychische Störungen, die durch Alkoholmissbrauch ausgelöst wurden.
Bonhoeffer war ebenfalls an der Charité tätig und verfasste bedeutende Werke, die noch heute von Relevanz sind. Seine Karriere wurde jedoch durch die NS-Herrschaft unterbrochen. Er beteiligte sich an Zwangssterilisationen und war Mitglied des militärmedizinischen Beirats. Nach dem Krieg lehrte er an der Berliner Universität.
Wilhelm Griesinger

Den Abschluss unserer Liste bildet Wilhelm Griesinger, ein Pionier der modernen Psychiatrie und Neurologie. Griesinger führte pathologische Anatomie in die Psychiatrie ein und leitete bedeutende Reformen ein.
Griesinger arbeitete an der Charité, wo er als Direktor der psychiatrischen Klinik tätig war. Er setzte sich für die Rechte psychisch Kranker ein und gründete neurologische Abteilungen sowie die Berliner Ärztlich-Psychologische Gesellschaft. Seine Ansätze prägen die Neurologie bis heute.