Berlin – eine riesige Metropole mit einer langen Geschichte – war immer wieder Schauplatz zahlreicher Epidemien. Geschäfte schlossen, Krankenhäuser waren überfüllt, Verschwörungstheorien machten die Runde, Impfzentren wurden eingerichtet, und auf den Brücken stauten sich die Menschen in der Hoffnung, die Stadt zu verlassen. Kommt Ihnen das bekannt vor? So erlebte Berlin Epidemien in der Vergangenheit. Wie die Stadt mehrfach Pandemien bekämpfte, sie überlebte und wertvolle Lehren zog, erfahren Sie in unserem Artikel auf iberlin.eu.

Die Pest in Berlin und die Erfindungen jener Zeit
Wie die Plattform welt.de berichtet, ist Covid-19 bei weitem nicht die erste Krankheit, die Berlin unter ihre Kontrolle brachte. Werfen wir einen Blick auf vergangene Epidemien, die in der Stadt wüteten, und auf die Erkenntnisse, die daraus entstanden. Durch verschiedene Epidemien, die sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten Berlin heimsuchten, entwickelten sich zahlreiche medizinische und kulturelle Errungenschaften. Ebenso traten Persönlichkeiten hervor, die an der Bekämpfung von Krankheiten arbeiteten und oft selbst daran starben.
Eine der bekanntesten Erfindungen des Mittelalters, die auch in Berlin zum Einsatz kam, war die Ausrüstung des Pestdoktors. Diese Kleidung ist heute im Märkischen Museum an Figuren verschiedener Altersgruppen zu sehen. Der Arzt trug schwarze Gewänder aus handgefertigten Materialien wie gewachstem Leinen und Leder. Diese Kleidung sollte ihn vor den Infektionen schützen, die im 16. und 17. Jahrhundert wiederholt Berlin heimsuchten. Damals war man sich der Übertragungswege der Pest nicht bewusst, vermutete jedoch, dass sie durch infektiöse Ausscheidungen verbreitet wurde. Deshalb musste die Kleidung möglichst geschlossen und luftdicht sein. Nähte wurden mit Wachs abgedichtet, das Gesicht durch eine Kapuze geschützt, und der charakteristische Schnabel war mit Essigschwämmen und Kräutern gefüllt. Man glaubte, dass der Duft von Wacholder, Nelken, Myrrhe, Rosen oder Styrax den Träger vor dem Tod bewahren könne. Die Augen wurden durch Selenit (Marienglas) geschützt, ein Material, das wie heutiges Plastik klare Sicht ermöglichte. Der Stock in der Hand des Doktors diente möglicherweise dazu, auf kranke Körperstellen zu zeigen, den Weg freizuräumen oder Leichen zu bewegen.

Verhaltensregeln während der Pest in Berlin
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die Rolle der Rattenflöhe als Überträger der Pest unbekannt. Viele Berliner wussten daher nicht, wie sie sich verhalten sollten. Der Arzt Leonhard Thurneysser, der gleichzeitig eine Druckerei im Grauen Kloster betrieb, druckte Hunderte von Plakaten, um die Bürger auf die Gefahr hinzuweisen. Er forderte sie auf, nicht an eine „Strafe Gottes“ zu glauben, prophylaktische Medikamente einzunehmen, sich regelmäßig zu waschen und auf die Hygiene ihrer Tiere zu achten. Die Berliner Behörden verboten öffentliche Versammlungen, gemeinschaftliche Mahlzeiten und schlossen Gaststätten sowie Bier- und Weinhäuser. Die Bevölkerung versuchte, diese Regeln zu umgehen, indem sie solche Orte heimlich besuchte und die Epidemie weiter verbreitete.
1470 entstand in der Marienkirche ein Fresko, das die Hilflosigkeit der Menschen angesichts von Krankheit und Tod darstellt. Mit 22 Metern Länge und 2 Metern Höhe ist es ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Zeit.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg und der Pest lebten in Berlin nur noch etwa 10.000 Menschen – die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung. Eine Folge der Pest war die Gründung der Charité, die bis heute weltweit für ihre Forschung an Viren und Epidemien bekannt ist. Die Klinik wurde 1708 als Pesthaus von König Friedrich I. errichtet.

Cholera und die Entdeckung Robert Kochs
Die Pest war nicht die einzige tödliche Krankheit. Eine weitere war die Cholera, die ab 1831 mehrmals in Berlin auftrat. Anfang der 1830er Jahre starben über 1.400 Menschen daran. Wissenschaftler glaubten, dass sich die Krankheit wie die Pest durch Luft (Miasmen) verbreite. Zur Behandlung wurden Patienten isoliert, und Duftstoffe sollten die Luft reinigen.
1876 erkannte der Berliner Bakteriologe Robert Koch, dass der Choleraerreger durch kontaminiertes Trinkwasser übertragen wird. Maßnahmen wie Händewaschen, Wasser abkochen und Körperhygiene wurden als entscheidend zur Eindämmung der Krankheit erkannt.
Rachitis und Tuberkulose als Folge von Armut und Überbevölkerung
Im 19. Jahrhundert wuchs und urbanisierte sich Berlin rasant, was zu Überbevölkerung und Armut führte. Der Hygieniker Rudolf Virchow untersuchte die Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien und stellte fest, dass dunkle, überfüllte Wohnungen ohne hygienische Standards sowie Mangelernährung Krankheiten wie Rachitis und Tuberkulose förderten. Virchow setzte sich für den Ausbau der städtischen Kanalisation und einer zentralen Wasserversorgung ein. Seine Ideen zur Einrichtung von Spielplätzen, Gärten und zur Förderung von Bewegung, Licht und gesunder Ernährung finden bis heute Anwendung.
Die Epidemie der Selbstmorde
1945 sprach der Berliner Pastor Gerhard Jacobi von einer „Epidemie der Selbstmorde“, die durch die verzweifelte Lage in Berlin und ganz Deutschland ausgelöst wurde. Mitglieder seiner Gemeinde berichteten ihm von Ampullen mit Zyankali und ihrer Hoffnungslosigkeit.
Obwohl keine genauen Zahlen existieren, zeigt der Statistikband „Berlin in Zahlen“ von 1949, dass im Frühjahr 1945 7.057 Todesfälle registriert wurden. Historiker Florian Huber beschreibt in seinem Buch Kind, versprich mir, dass du dich erschießt die Umstände vieler Selbstmorde, die oft von Angehörigen aus Scham oder finanziellen Gründen vertuscht wurden.

Ein besonders erschütternder Fall ereignete sich in Demmin, wo sowjetische Soldaten am 30. April 1945 einmarschierten. Innerhalb weniger Tage nahmen sich Hunderte Menschen das Leben, viele aus Angst vor Gewalt und Vergewaltigung.
Fazit
Über die Jahrhunderte wurde Berlin von zahlreichen Epidemien heimgesucht – und dennoch ist die Stadt heute besser gerüstet als je zuvor. Wie damals helfen auch heute medizinische Fortschritte der Menschheit, stärker und widerstandsfähiger zu werden. Diese Lehren verdanken wir der Geschichte