In Berlin gibt es einen Tag, an dem Tausende Menschen auf die Straße gehen – nicht für einen Protest oder ein Konzert. Ende September richtet die deutsche Hauptstadt den Berlin-Marathon aus, und der gewohnte Stadtverkehr weicht den Läufern. Straßen werden gesperrt, an der Strecke versammeln sich Hunderttausende Zuschauer und medizinisches Personal wacht über die Route. Mehr dazu auf iberlin.eu.
Für die Stadt ist dies längst zur Tradition geworden; die Marathonkultur reicht heute weit über einen einzelnen Lauf im September hinaus. Das Laufen hat auch die Einstellung der Berliner zu ihrem eigenen Körper nachhaltig verändert. Parks wurden zu Orten regelmäßigen Trainings, und für die sportmedizinische Vorbereitung interessieren sich inzwischen sogar Schüler.
Ein Bäcker, der das Laufen auf die Straße brachte

Horst Milde war ein Berliner Konditor – und genau er wagte es, den Laufsport in ein herausragendes städtisches Ereignis zu verwandeln. Im Jahr 1964 versammelte Milde auf dem Teufelsberg über 700 Laufbegeisterte zu einem Crosslauf. Für das damalige Berlin war dies ein Novum, denn an den Start gingen nicht nur Mitglieder von Sportvereinen, sondern ganz normale Stadtbewohner.
Zehn Jahre später ging Milde den nächsten Schritt: Am 13. Oktober 1974 zog er mit Kreide eine Startlinie auf der Waldschulallee nahe dem Mommsenstadion. An der Veranstaltung nahmen 286 Berliner teil, 244 erreichten das Ziel. Bei den Männern siegte der Postbote Günter Hallas, bei den Frauen Jutta von Haase. Die Presse nannte das Event damals den „Berliner Volksmarathon“.
Straßen statt Waldwege
Milde wollte den Marathon unbedingt auf den Straßen der City austragen, doch die Berliner Verwaltung zögerte mit der Genehmigung. Erst 1981 gelang es dem Organisator, den Lauf vom Waldkurs mitten in die Stadt zu verlegen. Der Start erfolgte am Reichstag, das Ziel lag auf dem Kurfürstendamm.
Dieses Sportereignis wurde nicht nur für Deutschland zu einem Meilenstein:
- fast 3.500 Läufer gingen an den Start;
- Teilnehmer aus 30 europäischen Ländern reisten an;
- entlang der Strecke versammelten sich rund 250.000 Zuschauer.
Mit der Zeit gewann der Lauf auch historische Dimensionen: Im September 1990 erhielt der Berlin-Marathon eine zutiefst symbolische Bedeutung. Nur drei Tage vor der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands standen erstmals Läufer aus Ost- und West-Berlin an einer gemeinsamen Startlinie; 25.000 Teilnehmer durchquerten das Brandenburger Tor.
Im Jahr 2004 übernahm der Sohn des Gründers, Mark Milde, die Leitung der Veranstaltung. Unter seiner Führung stieg der Berlin-Marathon endgültig in die Riege der weltweit bedeutendsten Läufe auf, auf dessen schneller Strecke Spitzenathleten regelmäßig neue Weltrekorde jagen.
Eine Stadt im Rhythmus der Marathonläufer

Am Tag des Berlin-Marathons stellt die Hauptstadt ihren Verkehr für mehrere Stunden komplett um. Für die Läufer wird entlang des Streckenverlaufs eine eigene Notfallinfrastruktur aufgebaut, um jederzeit schnelle Hilfe leisten zu können. Unterstützt wird der Lauf jedes Jahr von rund 6.000 ehrenamtlichen Helfern.
Diese Freiwilligen:
- stehen entlang der gesamten Strecke bereit;
- versorgen die Läufer an den Verpflegungspunkten;
- arbeiten im Zielbereich;
- koordinieren die Einsätze der medizinischen Dienste.
Im Zielbereich werden zwei medizinische Behandlungszentren mit Intensivbetten eingerichtet. Über die Sicherheit der Teilnehmer wachen mehr als 140 Spezialisten, darunter Kardiologen, Orthopäden und Notärzte.
Wenn Laufen zur Antwort auf Erschöpfung wird
Nach der Pandemie ist der Laufsport in Berlin keineswegs abgeflaut, sondern noch populärer geworden. Im Jahr 2025 versammelte der Berliner Lauf über die 21-Kilometer-Distanz mehr als 42.000 Teilnehmer und übertraf damit sogar das Vor-Pandemie-Niveau.
Professor Ingo Froböse, der seit vielen Jahren die deutsche Fitnesskultur erforscht, hob die positiven Effekte dieser Bewegung für die Berliner hervor. Seiner Ansicht nach melden sich viele zunächst wegen der sportlichen Herausforderung oder einer Medaille an – doch die Motivation wandelt sich rasch. Das Training wird zu einem festen Bestandteil des Alltags und hilft, den Organismus fit und widerstandsfähig zu halten.
Daher überrascht es nicht, dass die Zahl der Lauf-Communities in Berlin stetig wächst. Dazu gehören sowohl große Netzwerke wie die «Adidas Runners» als auch kleinere Kiez-Gruppen, in denen man sich zu gemeinsamen Runden verabredet und hinterher noch einen Kaffee trinkt. Manche trainieren auf Bestzeiten, andere suchen die Gemeinschaft und laufen entspannt im Wohlfühltempo.
Ukrainer auf der Berliner Marathonstrecke

Durch das Brandenburger Tor laufen Jahr für Jahr Zehntausende Menschen. Unter ihnen sind auch Ukrainer, für die dieser Marathon eine ganz besondere Bedeutung hat. Der Kiewer Yuriy Brykaylo ging 2023 an den Start: Mitten im Krieg trainierte er fünfmal pro Woche und brachte Erfahrung von den berühmten World Marathon Majors mit. Nach seinen Worten gab ihm der feste Trainingsplan genau das Gefühl zurück, das der Krieg mit Russland geraubt hatte – die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten.
Einen völlig anderen Weg an die Startlinie hatte Roman Kaschpur aus Winnyzja. Nach einer schweren Kriegsverletzung verlor er ein Bein, fand aber auf einer Sportprothese ins Laufen zurück. Im Jahr 2025 bewältigte Kaschpur den Marathon in 3 Stunden, 55 Minuten und 02 Sekunden – die beste Zeit, die je ein ukrainischer Para-Athlet auf einer Beinprothese erzielt hat. Im Protokoll stand an jenem Tag für Kaschpur noch eine weitere Zahl: 6. Berlin war der sechste der weltweiten Major-Marathons, die er erfolgreich gefinisht hat. Somit war das Ziel in der deutschen Hauptstadt für den Ukrainer kein neuer Anfang, sondern die Krönung einer bemerkenswerten sportlichen Reise.
Ein Körper, auf den man hören muss

Je länger die Distanz, desto wichtiger ist das Wissen darüber, ob der eigene Körper dieser Belastung gewachsen ist. Für einen Marathon genügt daher nicht bloß der Wille – entscheidend ist eine fundierte Vorbereitung, die bereits mit dem ersten Trainingstag beginnt.
Die Sportärztin Margrit Lock begleitete über 20 Jahre lang Teilnehmer des Berlin-Marathons. Als Orthopädin und Unfallchirurgin sah sie viele Überlastungsfolgen und riet allen Marathon-Aspiranten stets zu einem gründlichen Gesundheits-Check. Aus ihrer Sicht sind 42 Kilometer eine extreme Belastung – selbst für Menschen, die sich vollkommen gesund fühlen.
Ein umfassender sportmedizinischer Check-up beinhaltet:
- ein Ruhe-EKG;
- ein Belastungs-EKG;
- einen Lungenfunktionstest;
- Laboranalysen;
- eine Spiroergometrie.
Eine solche Untersuchung verdeutlicht, wie Herz, Gefäße, Lunge und Bewegungsapparat auf extreme Beanspruchung reagieren. Dieses Prinzip haben auch die Veranstalter verinnerlicht: Die für den Berlin-Marathon verantwortliche SCC Events führte eine verpflichtende gesundheitliche Online-Vorabfrage bei der Registrierung ein.
Laufen und Warnsignale, die man nicht ignorieren darf

Ein lockerer Feierabendlauf und ein Marathon sind zwei grundlegend verschiedene Dinge. Moderate, regelmäßige Einheiten stärken das Herz-Kreislauf-System, senken den Blutdruck und kurbeln den Stoffwechsel an. Ein Langstreckenlauf hingegen setzt den Organismus massivem Stress aus und verlangt eine gezielte Regeneration. Deshalb hat sich in den 2020er Jahren der Schwerpunkt der Berliner Laufkultur gewandelt: Nicht mehr nur die Finisher-Zeit zählt, sondern vor allem ein achtsamer, gesundheitsbewusster Trainingsaufbau.
Auf langen Distanzen sendet der Körper mitunter Alarmsignale, die keinesfalls als bloße Müdigkeit abgetan werden dürfen. Besondere Wachsamkeit erfordern:
- Schmerzen oder Engegefühl in der Brust;
- Schwindel;
- ungewöhnliche Atemnot;
- plötzliches Herzrasen;
- ein abrupter Einbruch des Wohlbefindens.
In solchen Momenten hilft es nicht, bloß das Tempo zu drosseln, um sich ins Ziel zu schleppen. Der Lauf muss sofort abgebrochen und medizinische Hilfe aufgesucht werden. Bei einem Massenevent ist Selbstdisziplin lebenswichtig, da Ordner und Sanitäter im dichten Läuferfeld nicht jede gesundheitliche Krise sofort bemerken können.
Eine tägliche Entscheidung für die Gesundheit

Der Berliner Marathon beginnt nicht erst am Startbogen vor dem Brandenburger Tor, sondern viel früher: an jenen Morgen oder Abenden, wenn Berliner in die Parks aufbrechen oder sich ihren Lauftreffs anschließen. Entscheidend ist eine vorausschauende Vorbereitung, damit aus der sportlichen Herausforderung kein gesundheitliches Risiko wird.
In Berlin ist die Achtsamkeit für die eigene Gesundheit zu einem festen Bestandteil der Laufkultur geworden – und nicht länger nur ein Thema für Leistungssportler. Die Berliner verstehen ihre Ausdauer zunehmend als wertvolle Ressource, die man genauso sorgsam im Auge behalten sollte wie Pace, Distanz oder Rennergebnis.
Quellen:
- https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2026/07/boom-laufen-joggen-marathon-strava-statistik-ingo-froboese.html
- https://www.zeit.de/sport/2024-09/marathonlauf-gesundheit-sport-gefahr-aerztin
- https://www.bmw-berlin-marathon.com/en/news-media/news/detail/starting-the-intensive-phase-of-preparation-in-good-health-why-a-sports-medicine-check-up-is-so-important-right-now
- https://www.welt.de/sport/article256380342/neue-studie-der-berlin-marathon-als-wirtschaftstreiber.html
- https://www.tracksmith.com/journal/article/the-berlin-marathon-origins-of-an-icon
- https://www.the-berliner.com/berlin/running-crews-clubs-sport-jogging-fitness-community-exercise-outdoors-marathon/
- https://www.inside-digital.de/news/berlin-marathon-2025-ohne-diese-technik-haette-ich-die-hitzeschlacht-niemals-geschafft
- https://www.sport.de/video/en593651/kroos-packt-aus-so-hart-war-der-berlin-marathon/
- https://laufennachplan.de/blog/mein-10-berlin-marathon-jubilaeum-emotionen-und-ein-blick-nach-new-york/
- https://champion.com.ua/ukr/others/ukrajinskiy-veteran-bez-nogi-vstanoviv-dva-rekordi-na-marafoni-v-berlini-1048825/
- https://podcasts.apple.com/us/podcast/berlin-26-2-yuriy-brykaylo-i-cant-change-the/id1705722765?i=1000636479124