9 Februar 2026

Erwin Casmir – Die Fechtlegende des Dritten Reiches

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Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ nicht nur eine blutige Spur in Deutschland, sondern auch einen Schatten, der viele Persönlichkeiten umgab – darunter Schauspieler, Schriftsteller und Sportler, die sich ungewollt in der Falle der NS-Ideologie wiederfanden. Einer von ihnen war Erwin Casmir, eine Fechtlegende des frühen 20. Jahrhunderts.Lesen Sie mehr unter iberlin.eu.

Seine sportlichen Errungenschaften sind bis heute unerreicht: Kein deutscher Fechter konnte im 21. Jahrhundert seine Rekorde brechen. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Name mit dem NS-Regime in Verbindung gebracht, und der mehrfache Olympiamedaillengewinner musste jahrelang um seinen Ruf kämpfen.

Ein Fechttalent von Geburt an

Erwin Casmir wurde 1895 in Berlin geboren, als die Stadt noch Teil des Deutschen Kaiserreichs war. Das Fechtgen lag ihm im Blut: Sein Onkel Gustav Casmir war einer der Pioniere des deutschen Fechtsports und gewann bei den Olympischen Spielen 1904 eine Silbermedaille im Florett und zwei Goldmedaillen im Säbelfechten.

Mit 14 Jahren begann Erwin unter der Anleitung seines Onkels zu trainieren, der sofort sein außergewöhnliches Talent erkannte. Kaum betrat der junge Casmir die Wettkampfbühne, dominierte er die deutsche Fechtszene. Nach seinen nationalen Titeln im Säbelfechten (1920) und Florettfechten (1921, 1922) wurde er deutscher Meister in allen drei Disziplinen – eine Seltenheit in der Fechtwelt.

Er startete zunächst für den Fechtclub Dresden, wechselte 1924 jedoch zum renommierten Verein „Fechtclub Deutschland Frankfurt“. Bis dahin hatte er bereits über 20 Einzel- und 25 Mannschaftstitel gewonnen.

Der Aufstieg zur internationalen Spitze

1927 feierte Casmir seinen internationalen Durchbruch bei den Europameisterschaften in Wien, wo er mit raffinierten Techniken, inspiriert von italienischen Fechtmeistern, beeindruckte. Schon damals prophezeiten ihm Sportjournalisten eine olympische Karriere.

Sein Debüt bei den Olympischen Spielen gab er 1928 in Amsterdam. Der Wettkampf wurde nicht auf der gewohnten Holzfläche, sondern auf Linoleum ausgetragen – eine ungewohnte Herausforderung. Doch Casmir zeigte Nervenstärke: Er besiegte den französischen Favoriten Lucien Gaudin und den italienischen Europameister Oreste Puliti. Am Ende unterlag er knapp den Top-Fechtern Philippe Cattiau (Frankreich) und Giulio Gaudini (Italien) – und musste sich mit Silber zufriedengeben.

Dennoch sah Casmir die Niederlage nicht als Rückschlag, sondern als wertvolle Erfahrung.

Ein Fechter auf Weltniveau

Nicht nur in Deutschland wurde er gefeiert – auch in der internationalen Fechtwelt wurde sein Talent anerkannt. Nedo Nadi, der sechsfache Olympiasieger und „König des Fechtens“, lobte Casmir als einen der besten Techniker seiner Zeit. Seine blitzschnellen Angriffe und präzisen Treffer machten ihn zu einem gefürchteten Gegner.

Casimir etablierte sich in einer Elitegruppe von Weltklasse-Fechtern, die von Italienern, Franzosen und Ungarn dominiert wurde. Die deutsche Presse sah in ihm einen Hoffnungsträger für den Fechtsport, der an die mittelalterliche deutsche Tradition des Waffenkampfes anknüpfen sollte.

Olympische Erfolge und politische Verstrickungen

Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland lange von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Erst 1921 durfte Casmir wieder antreten – und begann sofort, Titel zu sammeln. Er wurde deutscher Meister in allen Waffengattungen und gewann 1928 Silber in Amsterdam.

Mit 33 Jahren trat er bei nationalen Wettkämpfen kürzer, um Platz für jüngere Talente zu machen, konzentrierte sich aber auf internationale Turniere.

Seine große Chance auf olympisches Gold kam 1932 in Los Angeles – doch er belegte nur Platz vier im Säbelwettkampf. 1936 bei den Spielen in Berlin führte er die deutsche Mannschaft an und gewann zweimal Bronze (Säbel und Florett).

Doch Casmir war nicht nur Sportler – er wurde auch ein führender Funktionär. Er war Vorsitzender der Fechtabteilung im Reichsbund für Leibesübungen, der nationalsozialistischen Sportorganisation. Auch bei den Weltmeisterschaften feierte er Erfolge: 1931 (Wien), 1934 (Warschau) und 1937 (Paris) gewann er jeweils Bronze.

Die nationalsozialistische Regierung erkannte seinen sportlichen Wert. 1934 wurde er trotz interner Machtkämpfe zwischen dem Deutschen Turnerbund (DT) und dem Deutschen Fechterbund (DFeB) zum „Reichsfachwart für Fechten“ ernannt.

Sportler oder Mitläufer?

Casmir stellte sich offen hinter das NS-Regime. In einem Interview mit der „Deutsche Fechter-Zeitung“ lobte er Adolf Hitler für sein „Interesse an der körperlichen Ertüchtigung“ und rief die Fechter dazu auf, sich dem Geist des neuen Deutschland hinzugeben.

1937 trat er der NSDAP bei – ein Schritt, der ihm nach dem Krieg zum Verhängnis wurde.

Doch war er wirklich ein überzeugter Nationalsozialist? Oder nur ein Sportfunktionär, der sein Umfeld schützen wollte?

Historiker wie Horst Bahro betonen, dass Casmir in der NS-Sportpolitik eine ambivalente Rolle spielte. In einem Bericht von 1945 erklärte der Fechter selbst, dass er den Posten nur auf Drängen von Kollegen angenommen habe. Der Eintritt in die NSDAP sei eine taktische Entscheidung gewesen, um jüdische Fechter vor dem Ausschluss aus dem Verband zu bewahren.

Zeugenaussagen bestätigten dies – und so wurden die Anschuldigungen gegen ihn fallen gelassen.

Unvergessene Erfolge

Trotz der politischen Debatten konnte Casmir nach dem Krieg seine Fechtkarriere fortsetzen. 1949 wurde er erster Präsident des Deutschen Fechterbundes und blieb bis 1957 im Amt. Er gehörte zu den Mitbegründern des Nationalen Olympischen Komitees Deutschlands und trainierte zahlreiche Nachwuchstalente – darunter auch seinen Sohn Norman Casmir, der 1952 bei den Olympischen Spielen startete.

Für seine Verdienste wurde sein Verein, der Fechtclub Deutschland Frankfurt, mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet – eine Ehrung, die eng mit Casmirs Erfolgen verknüpft war.

Erwin Casmir starb im April 1982 in Frankfurt am Main.

Eine unerreichte Legende

Seit Casmir hat kein deutscher Fechter mehr bedeutende olympische Titel gewonnen. Die Olympischen Spiele 2024 in Paris zeigten erneut die Stärke der deutschen Athleten im Reitsport (5 Medaillen, davon 4 Gold) und im Kanusprint (2 Goldmedaillen).

Doch im Fechten blieben die deutschen Sportler hinter den Erwartungen zurück – während die USA 2024 die Goldmedaillen dominierten.So bleibt Erwin Casmir auch im 21. Jahrhundert der unangefochtene Höhepunkt des deutschen Fechtsports – ein Name, den noch immer niemand von seinem Thron gestoßen hat.

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