In Berlin gibt es viele interessante Ecken und geschichtsträchtige Bauten, die sich weitab vom Zentrum der Hauptstadt verstecken. Eines dieser Wunder wird die Immanuelkirche genannt, die im Bezirk Prenzlauer Berg liegt. Ihr spitzer achtseitiger Turmhelm ragt über die Ziegeldächer empor, als ob er daran erinnert – „Gott mit uns“. Denn genau das bedeutet der Name „Immanuel“ in der biblischen Tradition. Dieser Name für das protestantische Heiligtum wurde Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur zur Ehrung gewählt, sondern auch als Symbol der Hoffnung und der Gegenwart Gottes, verwurzelt in den Texten der Heiligen Schrift. Mehr auf iberlin.
Berlin en miniature

In Deutschland gibt es mehrere Kirchen mit dem Namen „Immanuelkirche“ – ein traditioneller Name für evangelische Gotteshäuser, solche gibt es in München und Wedel. Die Berliner Immanuelkirche entstand in den Jahren 1892–1893, als die Straßen zwischen der Greifswalder Straße und der Kollwitzstraße begannen, sich mit neuen Mietshäusern zu füllen, und die alte St.-Bartholomäus-Kirche die Gemeindemitglieder nicht mehr fassen konnte. Ein neues Heiligtum wurde gebraucht – und es entstand.
Die Kirche wurde als Filiale einer großen Pfarrei erbaut, doch ihre majestätische neoromanische Silhouette aus rotem Klinker wurde schnell zu einem eigenständigen Wahrzeichen des Viertels. Das Projekt erhielt Unterstützung auf höchster Ebene: Kaiserin Auguste Viktoria übernahm die Schirmherrschaft. Das Bauland stellten die örtlichen Grundbesitzer zur Verfügung – die Familie Betz, die die königlichen Mühlen und eine Brauerei besaß. Und die erheblichen Baukosten – 300.000 Mark – wurden von der benachbarten St.-Georgen-Gemeinde getragen.
Buntglasfenster der Zeit

Obwohl ringsum bereits neue Häuser entstanden, stand die Immanuelkirche zum Zeitpunkt ihrer Weihung im Jahr 1893 einigen damaligen Zeugnissen zufolge noch frei. Ihre Architektur stach jedoch aus der Bebauung hervor: Errichtet im neoromanischen Stil nach dem Entwurf des Architekten Bernhard Kühn, verband sie harmonisch zurückhaltende Monumentalität mit religiöser Eleganz. Der hohe achteckige Turm mit spitzem Helm beherbergte drei Gussstahlglocken, die 1892 im bekannten Bochumer Verein gegossen wurden. Der symbolische Grundstein wurde 1892 gelegt, und bereits im Oktober des folgenden Jahres fand die feierliche Einweihung statt. Zur Zeremonie erschien Kaiser Wilhelm II. persönlich mit seiner Gemahlin.
Die Symbolik des Gotteshauses beschränkte sich nicht nur auf die Architektur. Am Sockel des Turms wurden Statuen der vier Evangelisten angebracht: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Über dem Eingang, im Tympanon, befand sich ein leuchtendes Mosaik mit der Darstellung Christi. Dieses Kunstwerk schuf der bekannte deutsche Maler Paul Mohn für die Kirche, die Ausführung übernahm eine der renommiertesten Mosaikwerkstätten der Zeit – das Berliner Unternehmen „Puhl & Wagner“. Im Jahr 1906 erhielt die Immanuelkirche elektrisches Licht, was das Bestreben der Kirche zeigte, Traditionstreue mit Offenheit für die Neuerungen der Zeit zu verbinden.
Die wunderbare Musik der Orgel

Der Stolz der Kirche wurde die von Wilhelm Sauer gebaute Orgel. Dieses Instrument wird von Forschern als ein Musterbeispiel des romantischen Orgelbaus bezeichnet und gilt selbst nach europäischen Maßstäben als einzigartig. Sie wurde der Gemeinde unmittelbar vor der Eröffnung der Kirche übergeben. 1903 begann die bekannte „Abel-Ära“ in der Geschichte der Immanuelkirche, als die Familie Abel die Kirchenmusik leitete. Zuerst Herr Richard, dann sein Sohn Otto, der seinen Dienst auch nach seiner Rückkehr aus französischer Kriegsgefangenschaft im Jahr 1946 fortsetzte.
Wie sich der junge Abel erinnerte, kam er am ersten Samstag nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt zur Kirche und setzte sich an die Orgel. Dieses Instrument hatte, wie das Gotteshaus selbst, Krieg und Feuer überstanden. Der Spieltisch war mit einer dünnen Schicht Phosphorstaub und Spuren von Bauarbeiten bedeckt, aber im Inneren war das Instrument intakt geblieben: die edlen Polituren, die Tasten und Knöpfe, die Vielfalt von Holz und Metall. So kehrte die Musik in die Immanuelkirche zurück, die die Stadtbewohner auch in den folgenden Jahrzehnten verzaubern sollte.
Herausforderungen des Ersten Weltkriegs

Als der Erste Weltkrieg begann, erfasste die Gemeindemitglieder der Kirche in Prenzlauer Berg, wie auch die Menschen in anderen Gemeinden Deutschlands, eine patriotische Begeisterung und Euphorie, erfüllt von der Hoffnung auf einen schnellen Sieg. Die Pastoren hielten Reden über die Pflicht gegenüber dem Vaterland, stärkten den Glauben an den Sieg und beteten für die Soldaten an der Front. Doch mit jedem neuen Trauergeläut schwand der Enthusiasmus und wich allmählich stiller Trauer. Die Immanuelkirche wurde zu einem Raum des gemeinsamen Schmerzes: Hier gedachte man der Gefallenen, betete für die Verwundeten und hielt Andachten für die Familien, die einen Vater oder Sohn verloren hatten. Gleichzeitig organisierte die Gemeinde Hilfe für Witwen, Waisen und Verwundete.
Stein und Stille zur Zeit des Dritten Reiches

Als sich in Deutschland die NS-Diktatur etablierte, sahen sich die protestantischen Kirchen, einschließlich der Immanuelkirche, mit einer neuen, weitaus komplizierteren Realität konfrontiert. Ein Teil der Geistlichkeit, sowohl in Berlin als auch im ganzen Land, nahm das neue Regime mit Begeisterung auf: Es wurden pathetische Predigten gehalten, Parolen der rassischen „Reinheit“ unterstützt, und einige Pastoren verbreiteten sogar antisemitische Ansichten im Geiste der NS-Ideologie. Aber es gab auch jene, die den Weg des Widerstands wählten.
Die NS-Machthaber strebten die volle Kontrolle über die Religion an, indem sie loyale Strukturen schufen. Wie zum Beispiel die „Deutschen Christen“, die sich nicht nur der Bibel, sondern auch der Rassendoktrin des Reiches unterwarfen. Als Reaktion darauf entstand eine Widerstandsbewegung – die „Bekennende Kirche“, der sich jene anschlossen, die die evangelischen Prinzipien nicht verraten wollten. Unter ihnen war auch der bekannte Pastor Dietrich Bonhoeffer.
Die Immanuelkirche teilte das Schicksal der gesamten protestantischen Gemeinschaft in Prenzlauer Berg, als die Menschen gezwungen waren, zwischen Schweigen und Gefahr zu wählen. Predigten wurden von den Nazis streng kontrolliert, die Gestapo überwachte die Kanzeln. Unter dem Druck der Behörden wurden Kirchenvertreter gezwungen, selbst getaufte „Nicht-Arier“ aus den Gemeinden auszuschließen.
Die Kirche, die überlebte

Die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs fügten der Immanuelkirche schwere Verluste zu. In den Jahren 1944–1945 wurde sie von Luftangriffen getroffen, die tiefe Narben hinterließen: Das Dach, die Decke des Kirchenschiffs, die Fenster der Chorapsis und die Turmspitze wurden stark beschädigt. Sogar sakrale Gegenstände wurden von Plünderern gestohlen. Trotz der zerstörten Mauern und der symbolischen Verluste erlosch das Leben im Gotteshaus nicht. Nach der Kapitulation der Nazis machte sich die Gemeinde selbst an den Wiederaufbau ihrer Kirche. Und obwohl nicht bekannt ist, ob die verschwundenen Gegenstände zurückgeholt werden konnten, wurde die Immanuelkirche wieder zu einem Haus des Gebets.
In der Nachkriegszeit, bereits in der DDR-Ära, blieb die Immanuelkirche geöffnet. Obwohl das religiöse Leben im neuen sozialistischen Staat zunehmend unter Druck geriet, wurde die Kirche nicht verboten, auch wenn die Gemeinde sehr bescheiden, praktisch am Rande des Existenzminimums, lebte. Allmählich sammelte die Gemeinde Geld für die notwendigsten Reparaturen, in den 1950er und 1960er Jahren wurden das Dach repariert, der Turm stabilisiert und Fenster eingesetzt. Der Innenraum blieb jedoch fast asketisch; an eine Rückkehr zur Vorkriegspracht war nicht zu denken.
Ein Teil des Herzens von Prenzlauer Berg

Es sei daran erinnert, dass die Schulbildung in der DDR säkular war und man für die Mitgliedschaft in einer Kirchengemeinde seine Karriere riskierte. Die Stasi überwachte das religiöse Umfeld aufmerksam, besonders wenn unter den Gewölben der Kirchen Gespräche geführt wurden, die über die Liturgie hinausgingen. Und doch, selbst in dieser Atmosphäre des Misstrauens und der Einschränkungen, lebte die Immanuelkirche. In den 1970er Jahren fanden dort Gottesdienste statt, Musik erklang, und die Gemeinde kam zusammen. Die Gläubigen bemühten sich, die Kirche zu renovieren, denn die alten Leitungen, die Heizungsanlage und die abgenutzte Innenausstattung erforderten eine Generalüberholung. Unter den Bedingungen der DDR war daran jedoch nicht einmal zu denken, da der Staat, der den Sozialismus ohne Gott aufbaute, keine Mittel für Kirchen bereitstellte. Dennoch wurden durch die Anstrengungen der Gemeindemitglieder nach und nach die Fenster repariert, die Bänke erneuert und einzelne Infrastrukturelemente ersetzt.
Alles änderte sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Mit den politischen Freiheiten kamen auch reale Ressourcen – vom Staat, von Europa, von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Immanuelkirche erhielt eine neue Chance. Es begann eine umfassende Rekonstruktion, die sowohl die äußere als auch die innere Struktur des Gebäudes umfasste. Fundament und Dach wurden befestigt, die Fassade erneuert und, soweit es Archivzeichnungen und erhaltene Fragmente zuließen, der historische Innenraum wiederhergestellt.
Auch die Orgel wurde restauriert. Ebenso wurden moderne Beleuchtung, eine hochwertige Heizung und eine gute Akustik installiert. Ein besonderes Ereignis für die Gläubigen war der Einbau neuer Buntglasfenster. Die finanzielle Unterstützung für die Rekonstruktion kam aus verschiedenen Quellen: dem Berliner Senat, kirchlichen Fonds und privaten Spenden. Eine besondere Rolle spielte die Initiative „Freunde der Immanuelkirche“, die sich aufopferungsvoll um Spenden bemühte, Aufmerksamkeit auf die Kirche lenkte und vielfältige Veranstaltungen organisierte.
Eine Kirche am Scheideweg der Zeit

Jahre sind vergangen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kommen nicht nur Anwohner in die Immanuelkirche, sondern auch zahlreiche Touristen, angezogen von der Behaglichkeit des Gotteshauses und seiner wunderbaren Orgel. Gäste der Stadt gestehen, dass sie dieser erstaunlichen Musik stundenlang lauschen könnten. Sie ist eine aktive evangelische Immanuel-Kirchengemeinde, die die Gemeinschaft zu Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten und geistlichen Gesprächen versammelt. Hier finden auch Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Vorträge statt. Somit ist die heutige Immanuelkirche nicht nur ein Kirchengebäude im Herzen von Prenzlauer Berg, sondern auch ein lebendiger Raum, in dem sich Glaube, Kultur und historisches Gedächtnis kreuzen.
Darüber hinaus ist diese Kirche selbst ein wichtiges historisches Denkmal, da sie offiziell in die Liste der geschützten Baudenkmäler der deutschen Hauptstadt eingetragen ist. Ihr roter Klinker, der aufragende neoromanische Turm und das Mosaik mit dem Christusbild sind längst Teil des Stadtbildes geworden. Und die Immanuelkirche ist auch eine leise Erzählung über die dramatische und würdige Geschichte Berlins, die jedem zugänglich ist, der fähig ist, sie zu hören.
Quellen: