Jede Sportikone hat ihre eigene Geschichte – geprägt von Erfolgen, Rückschlägen, Kämpfen und Triumphen. Doch nicht jeder besitzt die mentale Stärke, immer wieder die höchsten Gipfel zu erklimmen. Eine Ausnahme: Franziska van Almsick. Bereits mit 14 Jahren betrat sie die große Bühne des Schwimmsports und wurde von den Deutschen sofort liebevoll „die Goldfisch“ genannt. Ihre Karriere war eine Achterbahnfahrt, doch am Ende wurde sie zur erfolgreichsten deutschen Schwimmerin in Bezug auf olympische Medaillen. Lesen Sie mehr unter iberlin.eu.
Dem Bruder nacheifern

Franziska wurde im April 1978 in Ost-Berlin geboren und wuchs im Bezirk Treptow in einer gemütlichen Dreizimmerwohnung auf. Ihr Interesse am Schwimmen begann früh – mit vier Jahren, als ihr älterer Bruder sie erstmals mit zum Training nahm. Anfangs schwamm sie nur im Trainingszentrum, später besuchte sie eine Kinder- und Jugendsportschule. Die Trainer erkannten schnell ihr außergewöhnliches Talent und förderten sie gezielt.
Ihr Vater motivierte sie zusätzlich: Er schenkte ihr einen Aufkleber mit der Aufschrift „Barcelona 1992“. Von diesem Moment an hatte die junge Franziska ein klares Ziel: bei den Olympischen Spielen antreten – und gewinnen.
Mit 11 Jahren hatte sie bereits neun Siege bei der Spartakiade der DDR errungen, ein Erfolg, den kaum jemand in ihrem Alter vorweisen konnte. Ihre Olympia-Teilnahme in Barcelona wurde Realität, doch für Gold reichte es nicht: Sie gewann eine Silber- und zwei Bronzemedaillen. Dennoch hinterließ sie einen bleibenden Eindruck. Die Medien tauften sie endgültig „die Goldfisch“, ein Name, der sie fortan begleitete. Neben ihrem sportlichen Talent fiel sie auch durch ihr attraktives Aussehen auf, sodass ihr Manager Werner Kester lukrative Werbeverträge verschaffte. Doch trotz aller finanziellen Erfolge blieb ihr oberstes Ziel: olympisches Gold.
Das Wunderkind des Schwimmsports
Nach Barcelona feierte sie einen Triumph nach dem anderen: Bei den Jugend-Europameisterschaften in Leeds 1992 holte sie sechs Goldmedaillen. 1993 bei der Europameisterschaft gewann sie erneut sechs Gold- und eine Silbermedaille. Ihren ersten Weltrekord über 200 Meter Freistil stellte sie 1994 in Rom auf – ein Rekord, den später nur sie selbst brechen konnte, allerdings erst acht Jahre später.
Mit eiserner Disziplin bereitete sie sich auf die Olympischen Spiele 1996 vor. Doch der Druck war enorm. Als man sie auf ihr striktes Training ansprach, entgegnete sie nur: „Wenn ich mich ändern soll, sagt es mir – ich werde alles tun, um das zu verhindern.“
Der tiefe Fall und der Weg zurück

Atlanta 1996 wurde zum Albtraum. Obwohl sie monatelang hart trainierte, scheiterte sie. Später gab sie zu: „Ich wusste bereits auf dem Weg ins Wasser, dass ich verlieren würde.“ Das einstige Gefühl der völligen Kontrolle über das Wasser war plötzlich verschwunden. Sie fühlte sich erschöpft – körperlich und mental. Die Niederlage war ein Schock.
Franziska nahm sich eine Auszeit, um sich auf die Olympischen Spiele 2000 vorzubereiten. Doch das Schicksal stellte sie auf eine noch härtere Probe: 1997 erlitt sie bei einem Motorradunfall einen dreifachen Bruch und einen Bänderriss an der linken Hand. Für viele wäre dies das Karriereende gewesen – nicht jedoch für van Almsick. Sie durfte zwar nicht ins Wasser, doch sie trainierte weiterhin intensiv: Sie lief, radelte, baute ihre Kraft in Beinen und Rumpf auf. Langsam tastete sie sich zurück ins Becken – erst mit einer Manschette, dann frei.
„Zum ersten Mal wollte ich schwimmen – und durfte nicht. Zum ersten Mal waren meine Konkurrentinnen vor mir – nicht hinter mir. Doch dieser Unfall war meine Chance, das Leben neu zu bewerten“, erinnerte sie sich später.
Neustart mit Höhen und Tiefen
Mit neuem Trainer Gerd Esser kehrte sie in den Wettkampfsport zurück. Die Resultate schwankten: 1998 triumphierte sie bei den deutschen Meisterschaften in Hamburg, doch 1999 in Leipzig scheiterte sie. Den Europameisterschaften in Istanbul blieb sie fern, doch in Perth gewann sie Gold mit der Staffel.
Für Sydney 2000 setzte sie alles auf eine Karte. Doch erneut blieb ihr das Glück verwehrt: Die deutsche Schwimm-Mannschaft gewann nur drei Bronzemedaillen. Eine bittere Enttäuschung, doch Franziska ließ sich nicht unterkriegen. Statt aufzugeben, erklärte sie kämpferisch: „Ich will beweisen, dass ich mehr kann als das.“
Medaillen und unvollendete Träume

Während ihrer Vorbereitung auf Athen 2004 sammelte sie weiterhin Titel. Sie gewann die deutschen Meisterschaften 2001 und 2002, wurde Europameisterin 2002 in Berlin und stellte einen neuen deutschen Rekord auf. Die Ehrungen häuften sich: Der „Bambi“-Preis 1992, die „Goldene Henne“, die Auszeichnung als Europas beste Schwimmerin, der „Laureus Sports Award“ in der Kategorie „Comeback des Jahres“.
Doch das wichtigste Ziel blieb das olympische Gold – und es sollte ihr verwehrt bleiben. In Athen 2004 spürte sie erneut, dass ihr das Gefühl für das Wasser fehlte. Am Ende gewann sie „nur“ Bronze.
Trotz einer beeindruckenden Sammlung von sechs Bronze- und vier Silbermedaillen fehlte ihr das, wonach sie sich am meisten sehnte. Zweimal war sie zum Greifen nah dran: 1992 unterlag sie Nicole Haislett um 0,1 Sekunden, 1996 Claudia Poll um 0,41 Sekunden.
Nach Athen akzeptierte sie schließlich ihr Schicksal und verkündete ihren Rücktritt. „Meine Zeit als Schwimmerin ist vorbei – jetzt beginnt mein Leben an Land“, schrieb sie in ihrem Buch über ihre Karriere.
Leben nach dem Leistungssport

Nach ihrem Rücktritt tauchte sie immer wieder in den Schlagzeilen auf – sei es durch private Fotos im Internet oder Berichte über ihre früheren Beziehungen, etwa mit dem Schwimmer Steffen Zesner oder dem Handballer Stefan Kretzschmar.
2005 schlug sie eine neue Karriere ein: Sie wurde TV-Kommentatorin für die Schwimm-Weltmeisterschaften in Montreal. Die deutsche Presse lobte sie für ihr Talent als Moderatorin, und der Sender Sat.1 betonte: „Sie kennt den Sport, hat Charisma und zieht Zuschauer an.“

Im selben Jahr lernte sie den Unternehmer Jürgen Harder kennen. Die beiden heirateten, zogen nach Heidelberg und bekamen zwei Söhne.
Franziska van Almsick hat die olympische Goldmedaille nie gewonnen. Doch sie bleibt eine der größten Schwimmerinnen der Geschichte – eine Kämpferin, die sich immer wieder selbst überwand.
