Im Herzen Ost-Berlins, unweit des Alexanderplatzes und des Roten Rathauses, verbirgt sich ein Viertel, das nicht laut auf sich aufmerksam macht, aber den Blick unerwartet fesseln kann. Das Nikolaiviertel, oder Viertel des Heiligen Nikolaus, ist der älteste Ort der deutschen Hauptstadt. Hier, am Ufer der Spree, ließen sich bereits im 13. Jahrhundert Handwerker, Fischer und Kaufleute nieder. Später wurde die Stadt mit 20.000 Einwohnern zu einem Handelsknotenpunkt auf dem Weg zur Ost- und Nordsee, der von Händlern hoch geschätzt wurde. Dort entstand auch die erste Kirche – St. Nikolai, Schutzpatron der Reisenden, Fischer und des Handels. Das heutige Nikolaiviertel ist einer der gemütlichsten Orte Berlins, an dem man seine Bekanntschaft mit der Stadt beginnen sollte. Nicht weil es der berühmteste ist, sondern weil es die Essenz der deutschen Hauptstadt in sich birgt. Mehr auf iberlin.
Wo wurde Berlin geboren?

Das Alter der Hauptstadt wird ab dem Jahr 1237 berechnet, obwohl dieses Datum willkürlich ist. Die Originalurkunde über die Verleihung des Stadtrechts an Berlin ist längst verloren, und die erste eindeutige Erwähnung als Stadt ist erst für das Jahr 1251 belegt. Jedoch wird gerade in Aufzeichnungen aus dem Jahr 1237 ein Priester erwähnt, der angeblich in der Nikolaikirche diente. Diese Erwähnung wurde zum Anlass für Feierlichkeiten, insbesondere für das Jubiläum im Jahr 1987, als die DDR-Regierung eine großangelegte Rekonstruktion des Nikolaiviertels durchführte. Als Erstes entstand an diesem Ort Berlin-Cölln – zwei Handelssiedlungen, die durch einen Damm mit Mühlen, den Mühlendamm, verbunden waren. Im Jahr 1307 schlossen sie sich zu einer Stadt zusammen, die im 15. Jahrhundert zur Residenz der Herrschenden wurde. Nahe der Nikolaikirche ließen sich hofsnahe Personen nieder, was das Viertel zu einem Zentrum für wohlhabende Bürger machte.
Als der Hof im 18. Jahrhundert in das neue Königliche Schloss umzog, wurden die frei gewordenen Häuser rund um die Kirche an Beamte und Kaufleute vergeben. Im Jahr 1700 wurde im Nikolaiviertel die Königliche Post eröffnet, und die Hauptstraße wurde fortan Poststraße genannt. An der Ecke, wo sie auf den Mühlendamm trifft, errichtete der Schatzmeister von König Friedrich II., der jüdische Unternehmer Veitel-Heine Ephraim, ein prächtiges Gebäude im Rokokostil, das als Ephraim-Palais in die Geschichte einging. Damals wurde es als die schönste Ecke Berlins bezeichnet. Genau zu dieser Zeit erhielt das Viertel den Namen „Nikolaiviertel“ und lebte still vor sich hin, während sich das Zentrum der Hauptstadt allmählich nach Westen verlagerte. Veränderungen kamen im 19. Jahrhundert, als im Viertel das größte Kaufhaus der Stadt, das Kaufhaus Nathan Israel, gebaut wurde. Dies zog sofort einen Strom von Menschen an, die näher an solche Segnungen der Zivilisation ziehen wollten. Im Jahr 1877 wurden Mittel für die Nikolaikirche gefunden; sie wurde mit einer neugotischen Fassade und zwei Turmspitzen geschmückt.
Die Tragödie der Altstadt

Anfang des 20. Jahrhunderts erschien das Nikolaiviertel der Stadtverwaltung nicht als romantisches Artefakt des Mittelalters, sondern als veraltete Last im Herzen Berlins. Seine engen Gassen behinderten die Verkehrsentwicklung, und die im Laufe der Jahrhunderte errichteten Häuser irritierten die Machthaber mehr, als dass sie sie begeisterten. In den 1910er Jahren begannen Diskussionen über Umbaupläne: Die Straßen sollten verbreitert und die Stockwerke aufgestockt werden. Sogar das elegante Ephraim-Palais sollte abgerissen werden, obwohl die wertvollsten Fragmente der Fassade und des Dekors sorgfältig verpackt und eingelagert wurden.
Zur gleichen Zeit, im Jahr 1937, tauchte unter den Jubiläumsfanfaren zum 700. Jahrestag Berlins eine ehrgeizige, wenn auch etwas groteske Idee auf: das Nikolaiviertel in ein Freilichtmuseum zu verwandeln. Geplant war, „authentische“ Fassaden aus der ganzen Stadt hierher zu verlegen, um eine konzentrierte Kopie des Berlins vergangener Jahrhunderte in der neuen Hauptstadt des Dritten Reiches zu schaffen. Die Nikolaikirche wurde 1938 geschlossen – formal wegen Rekonstruktion. Ikonen, Bücher, Möbel und Kirchengerät wurden abtransportiert, Gottesdienste verboten. Im selben Jahr wurde während der „Kristallnacht“ der Stolz des alten Viertels zerstört – das Kaufhaus Nathan Israel.
Als die Zeit stillstand

Die geplanten Abrisse, auf die man sich in den 1930er Jahren vorbereitet hatte, konnten jedoch nicht mehr umgesetzt werden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dieses Gebiet durch britische und amerikanische Flugzeuge faktisch zerstört und schließlich in den letzten Wochen der Schlacht um Berlin von der sowjetischen Artillerie endgültig vernichtet. Das Nikolaiviertel hatte keine militärische Bedeutung, lag aber auf dem Weg zur Reichskanzlei, als die sowjetischen Truppen dorthin vorstießen, und war daher dem Untergang geweiht. Auch die Nikolaikirche hielt den Angriffen nicht stand. Bereits im Juni 1944 zerstörte eine Bombe beide Türme, und im Frühjahr 1945 verursachten Artillerietreffer einen weiteren Brand. 1949 waren die Überreste der Gewölbe und inneren Stützen zu einer Ruine zerfallen.
Nur wenige Häuser des alten Stadtviertels blieben erhalten. Darunter das Knoblauchhaus – ein klassisches Biedermeierhaus aus dem 18. Jahrhundert mit tiefen Kellern. In den 1950er Jahren wurden dort Gemeinschaftswohnungen eingerichtet, und später, nach der Restaurierung, erhielten die Innenräume ihr Aussehen aus der Zeit um 1830 zurück. Im 21. Jahrhundert wurde in dem Haus ein Museum eingerichtet, das das Leben des gebildeten und wohlhabenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts zeigt. Glück hatte auch das Kurfürstenhaus, in dem sich einst die Münzprägeanstalt befand, dann das erste Berliner Opernhaus, das der Legende nach sogar Giacomo Casanova besuchte. Zu DDR-Zeiten wurde dieses Gebäude der Hauptverwaltung einer der führenden Handelsorganisationen des Landes übergeben – der HO (Handelsorganisation).
Rekonstruktion als Ideologie

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Nikolaiviertel in Trümmern, wie eine verlassene Kulisse für einen Historienfilm. Veränderungen kamen erst in den 1970er Jahren. Ein neues architektonisches Denken, das damals in West-Berlin aufkam, bahnte allmählich den Weg zur „kritischen Rekonstruktion“. Ihr Hauptideologe war der Architekt Josef Paul Kleihues, der vorschlug, die städtische Vergangenheit nicht auszulöschen, sondern den historischen Stadtgrundriss wiederherzustellen. 1979 wurde er zum Direktor der IBA – der Internationalen Bauausstellung – ernannt. Sie sollte nicht nur Modelle ausstellen, sondern reale Beispiele für einen neuen Ansatz zur Rekonstruktion des historischen Umfelds zeigen. An dem Projekt nahmen solche Stars der europäischen Architektur teil wie die Italiener Aldo Rossi und Vittorio Gregotti, der Brite James Stirling und der Schweizer Max Dudler.
Das Projekt für das Nikolaiviertel wurde von dem Architekten Günter Stahn geleitet. Er schlug eine Kompromisslösung vor: Neubauten aus modernen Platten in Kombination mit rekonstruierten historischen Gebäuden. Einige davon wurden neu errichtet, wobei die alten Fassaden nachgebildet wurden. Auch die Turmspitzen der Nikolaikirche, in der ein Museum eingerichtet wurde, wurden wiederhergestellt. Doch die wahre architektonische Überraschung für die Bürger waren die in den 1980er Jahren errichteten Wohnhäuser. Es waren Bauten mit Türmchen, schmalen Giebeln, Arkaden im Erdgeschoss, aber in Plattenbauweise. Sie wurden zu geschlossenen Blöcken zusammengefasst, und unten wurde Platz für Cafés, kleine Läden und Souvenirgeschäfte gelassen. Die Berliner Alt-Einwohner betrachteten die neu geschaffene „Altstadt“ zunächst mit Ironie: „Kitsch“, „Attrappe“, „Pastiche“ – das waren die mildesten der Epitheta. Aber die Zeit hat, wie immer, die Widersprüche geglättet, und 2018 wurde das Nikolaiviertel offiziell als denkmalgeschütztes Objekt anerkannt.
Zwischen Fluss, Zeit und Stille

Im 21. Jahrhundert ist das Nikolaiviertel nicht nur ein rekonstruiertes Viertel im Zentrum Berlins, sondern auch ein Versuch der Stadt, mit ihrem eigenen Gedächtnis zu sprechen und in den Spiegel der Geschichte zu blicken. Hier, zwischen den Fassaden, die die Vergangenheit nachbilden, auf dem Pflaster, das sich noch an die Hufe mittelalterlicher Karren erinnert, ist ein besonderer Raum entstanden. Es ist nicht ganz ein Museum und nicht ganz ein Wohnviertel, sondern vielmehr ein Symbol des Dialogs mit dem, was einst für immer vergessen schien. Touristen kommen oft hierher, und Interessierte können auch das Restaurant „Nikolaiviertel“ besuchen.
Das Nikolaiviertel in Berlin ist nicht deshalb wichtig, weil es „authentisch“ ist – denn die meisten seiner Bauten sind eher Interpretationen als Konservierungen. Sein Wert liegt in dem mutigen Versuch, eine zerrissene Geschichte wieder zusammenzufügen und der Stadt eine Chance auf Kontinuität zu geben. In Zeiten, in denen städtische Räume oft ihr eigenes Gesicht verlieren, erinnert es daran: Wurzeln kann man nicht nur bewahren, sondern auch neu wachsen lassen – mit Respekt, Genauigkeit und Liebe.
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