In Zeiten von WhatsApp, E-Mails und sozialen Netzwerken wirken klassische Postkarten fast nostalgisch. Und doch – wer eine schreibt und verschickt, zeigt besondere Wertschätzung. Eine Geste mit Persönlichkeit. Was viele nicht wissen: Die Geschichte der Postkarte begann in Berlin. Lesen Sie mehr auf berlin.eu.
Die Idee eines Berliner Beamten
Heinrich von Stephan, später Generalpostmeister des Deutschen Kaiserreichs, gilt als einer der wichtigsten Reformer des deutschen Postwesens. Geboren in Pommern als achtes Kind eines Schneiders, begann er 1849 in Berlin seine Laufbahn bei der preußischen Post.

1865 stellte er auf der 5. Konferenz des Deutschen Postvereins in Karlsruhe die Idee des „Postblatts“ vor – eine einfache Karte ohne Bilder, mit Platz für Adresse und Nachricht. Der Vorteil? Günstiger und schneller als Briefe. Doch das Publikum war skeptisch: Die Inhalte wären für jeden lesbar, Einnahmen könnten sinken – der Vorschlag wurde abgelehnt.
Der Durchbruch in der Zeit des Umbruchs

1869 führte Österreich-Ungarn die sogenannte „Correspondenzkarte“ ein – ein Wendepunkt. Als Stephan 1870 Leiter des Postwesens im Norddeutschen Bund wurde, setzte er seine Vision um: Die Postkarte wurde offiziell eingeführt – und ein voller Erfolg. Noch vor dem offiziellen Start wurden allein in Berlin über 45.000 Karten verkauft. Die Berliner nutzten sie nicht nur für Urlaubsgrüße, sondern auch für alltägliche Mitteilungen.
Ein Vorläufer mit Stil
Schon 1777 entwarf ein französischer Kupferstecher eine dekorative Grußkarte für den Adel – ein früher Vorläufer der Postkarte. Ihre Verbreitung wurde jedoch durch die Angst gebremst, dass Bedienstete private Botschaften lesen könnten.

Krieg als Katalysator
Die erste in Deutschland verschickte illustrierte Karte stammte von Buchhändler August Schwartz aus Oldenburg. Am 16. Juli 1870 – kurz vor Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs – schickte er sie nach Magdeburg. Im Krieg wurde die Postkarte zum praktischen Kommunikationsmittel zwischen Front und Heimat: schnell, günstig und zuverlässig.
Der Krieg endete 1871 mit einem Sieg Preußens. Napoleon III. wurde abgesetzt, das Deutsche Kaiserreich gegründet – mit Wilhelm I. als Kaiser und Otto von Bismarck als Reichskanzler.

Der Vorläufer des Messengers
1872 kostete das Versenden einer Postkarte in Deutschland nur die Hälfte eines Briefs. In Großstädten wurde mehrmals täglich zugestellt – die Karte war oft binnen Stunden beim Empfänger. Besonders beliebt: die Antwortkarte, eine Art vorfrankiertes Rückformular – ganz wie ein früher Messenger.
Die ersten Karten waren rein funktional – auf einer Seite die Adresse, auf der anderen der Text. Erst 1870 erschienen in Frankreich illustrierte Postkarten. Die erste kam aus Wien. Ab 1885 waren sie auch in Deutschland offiziell erlaubt. Mit dem Aufkommen der Chromolithografie wurden farbige Drucke möglich – die Karten boomten zwischen 1895 und 1914.
Eine Massenbewegung
Um 1900 verschickte die deutsche Post rund eine Milliarde Postkarten. Im Ersten Weltkrieg waren es bis zu zehn Milliarden. Um Tinte zu sparen, erschienen Karten mit weißen Bildrändern. Noch 1982 lag die Zahl bei 877 Millionen – 2018 waren es nur noch 155 Millionen.
Weitere Meilensteine von Heinrich von Stephan
Zu Beginn seiner Karriere war das deutsche Postwesen zersplittert – 17 eigenständige Systeme mit eigenen Tarifen. Stephan trieb die Vereinheitlichung voran und vereinte Post- und Telegrafenwesen. Ab 1866 arbeitete er am Übergang der Post von der Adelsfamilie Thurn und Taxis in staatliche Hände.
Als Förderer der deutschen Sprache prägte Stephan viele Begriffe für die Telekommunikation – darunter „Fernsprechapparat“ (Telefon) und „Wertzeichen“ (Briefmarke). Seine Vorschläge setzten sich schnell im deutschen Sprachraum durch.
1877 brachte er den damals neuen „Fernsprecher“ nach Deutschland – ein Jahr nachdem Alexander Graham Bell in den USA das Patent erhalten hatte. Bells Motivation: Seine Mutter und Ehefrau waren taub, sein Vater und Großvater litten unter Sprachstörungen.
Das Kommunikationsmuseum
1872 gründete Stephan das Reichspostmuseum – heute das Museum für Kommunikation Berlin. Es dokumentiert die Entwicklung des Transports von der Antike bis zur Neuzeit. 1895 wurde auf dem Dach eine sechs Meter hohe Skulpturengruppe installiert: Riesen, die die Weltkugel tragen – ein Symbol für die globale Bedeutung der Post.
Während beider Weltkriege blieb das Museum geschlossen. Viele Exponate wurden später nach Frankfurt am Main verlegt. Heute zeigt das Berliner Museum unter anderem eine Dauerausstellung zu Post, Telegrafie, Telefonie, Radio und Fernsehen – mit besonderem Fokus auf Briefmarken.