Im Jahr 1878 wurde die Brailleschrift auf dem Weltkongress in Rom als beste Lese- und Schreibmethode für blinde Menschen anerkannt. Doch das Schreiben in diesem System war damals äußerst kompliziert. Autor*innen von Braille-Texten mussten Zeichen entweder mit einem Griffel und einer speziellen Schablone erstellen oder auf eine der wenigen, teuren und unzuverlässigen Braille-Schreibmaschinen zurückgreifen, die es zu jener Zeit gab.
1899 revolutionierte Oskar Picht das Schreiben für Blinde, indem er eine praktische und einfach zu bedienende Braille-Schreibmaschine erfand. Da er selbst unter einer Sehbehinderung litt, verstand er die Bedürfnisse blinder Menschen genau. Mehr über diesen visionären Erfinder und seine bahnbrechende Erfindung erfahren Sie auf berlin.eu.
Notwendigkeit als treibende Kraft
Während seiner Tätigkeit als Lehrer am Preußischen Blindeninstitut in Berlin-Steglitz fiel Oskar Picht auf, wie mühsam es für blinde Schüler war, mit der Brailleschrift zu schreiben. Dieses taktile Schriftsystem wurde 1829 von dem Franzosen Louis Braille entwickelt, der bereits im Alter von drei Jahren erblindete. Als Kind spielte Braille in der Werkstatt seines Vaters mit Werkzeugen und stach sich versehentlich mit einem scharfen Gegenstand ins Auge. Die daraus resultierende Infektion griff auf das zweite Auge über, und er verlor sein gesamtes Sehvermögen.
Das Braille-System basiert auf einer sechspunktigen Matrix, aus der sich 63 verschiedene Zeichenkombinationen ableiten lassen. Diese ermöglichen die Darstellung von Buchstaben, Zahlen, mathematischen Symbolen und sogar musikalischen Notationen.

Das Schreiben mit Braille erforderte damals jedoch einen langsamen und mühevollen Prozess. Die blinden Autor*innen mussten mit einem Griffel auf einer Schablone von rechts nach links schreiben. Nach dem Fertigstellen wurde das Blatt umgedreht, damit der Text von links nach rechts gelesen werden konnte. Der Tastsinn spielte eine entscheidende Rolle, doch das Erkennen der erhabenen Punkte verlangte ein sorgfältiges Abtasten, was viel Zeit in Anspruch nahm.

Die Suche nach einer einfacheren Lösung
Bereits im 19. Jahrhundert entwickelten mehrere Erfinder alternative taktile Schriftsysteme.
- 1831 entwickelte der schottische Verleger James Gall eine dreieckige Punktschrift.
- 1845 präsentierte der Engländer William Moon ein taktiles Alphabet, das auf dem lateinischen Schriftsystem basierte – eine der ersten praktisch anwendbaren Blindenschriften.
Diese Systeme erleichterten das Lesen, jedoch nicht das Schreiben. Oskar Picht erkannte dieses Problem und widmete sich einer mechanischen Lösung. 1889 kombinierte er die Brailleschrift mit einer Schreibmaschinenmechanik und entwickelte die erste mechanische Braille-Schreibmaschine.
Die Erfindung der Braille-Schreibmaschine
Zwei Jahre später, 1891, erhielt Oskar Picht das Patent für seine Erfindung. Bis 1932 meldete er insgesamt neun verschiedene Modelle seiner Schreibmaschine an. 1910 entwickelte er zudem die erste deutsche Braille-Stenografiemaschine, die schmale Papierstreifen nutzte.
Die Funktionsweise der Braille-Schreibmaschine von Oskar Picht:
- Jede Taste entsprach einer der sechs Punkte des Braille-Codes.
- Zusätzliche Tasten ermöglichten Leerzeichen, Zeilenumbrüche und Rücksprünge.
- Wie eine herkömmliche Schreibmaschine verfügte sie über zwei seitliche Drehknöpfe, mit denen das Papier weiterbewegt wurde.
- Eine Wagenrückführungshebel brachte den Cursor zurück an den Anfang der Zeile.
- Die Papierrollen hatten spezielle Einkerbungen, damit die geprägten Punkte nicht plattgedrückt wurden.
Das erste Modell von Picht nutzte 9 Zoll breites Papier, das auf einer hölzernen Trommel aufgewickelt wurde. Die Tasten bestanden aus Holz, in das metallene Markierungen eingelassen waren.
Weitere Errungenschaften von Oskar Picht
Die Braille-Schreibmaschine war nicht die einzige Erfindung von Oskar Picht. Er war zudem:
- Direktor des Provinzial-Blindeninstituts in Bromberg,
- Direktor des Preußischen Blindeninstituts in Berlin-Steglitz,
- der erste Deutsche, der eine Radio-Lektion über Blindheit hielt,
- der Produzent des ersten Films für blinde Menschen, betitelt „Unsere Blinden und ihre Welt“.
Seine Innovationen veränderten das Leben blinder Menschen grundlegend und machten das Schreiben in Brailleschrift so einfach wie nie zuvor.