Auf der Berliner Gewerbeausstellung im Jahr 1879 präsentierte Werner von Siemens die weltweit erste elektrische Eisenbahn. Der Erfolg war beeindruckend: „Siemens & Halske“ erhielt zahlreiche Anfragen zu Investitionen und Betriebskosten für elektrische Bahnen aus aller Welt. Doch der Firmengründer hatte größere Pläne. Die elektrische Eisenbahn war für ihn ein Experiment. Siemens arbeitete an der Planung eines elektrischen Verkehrssystems der Zukunft – einer Hochbahn im Zentrum Berlins. Mehr über die Erfindung der Straßenbahn lesen Sie auf iberlin.eu.
Ein vielversprechendes Verkehrsmittel

Bereits 1867 äußerte Werner von Siemens, begeistert von der möglichen Anwendung des elektrischen Dynamos, den er ein Jahr zuvor entwickelt hatte, die Idee, „Eisenbahnen auf eisernen Pfosten durch die Straßen Berlins zu bauen“. Ab 1880 suchte der „Chef-Elektriker Berlins“ nach Konzessionen für Hochbahnen auf der Friedrichstraße und Leipziger Straße, um die Praxistauglichkeit dieses zukunftsweisenden Verkehrsmittels zu demonstrieren. Doch unerwartete Proteste von Anwohnern und Behörden verhinderten seine Pläne.
Die Berliner Stadtverwaltung äußerte starke Bedenken gegenüber dem Bau und Betrieb solcher Bahnen und verweigerte die Konzession. Der zuständige Minister Albert von Maybach genehmigte jedoch eine Teststrecke außerhalb der Stadt, im Vorort Lichterfelde, südlich von Berlin. So entstand die erste elektrische Straßenbahn eher aus einer Notlösung heraus.
Eine experimentelle Vorortbahn

In Lichterfelde existierte noch ein Teil einer Bahntrasse, die in den 1870er Jahren für den Materialtransport zum Bau der Kadettenanstalt genutzt wurde. Werner von Siemens verwendete diese Strecke für seine Experimente. Sein elektrischer Zug verfügte allerdings noch nicht über eine typische Straßenbahntrasse mit ins Pflaster eingelassenen Schienen.
„Siemens & Halske“ baute drei Pferdewagen für den Betrieb auf der Straßenbahnstrecke um. Die zweiachsigen Wagen boten Platz für bis zu 50 Personen, verteilt auf je 16 Sitzplätze. Jeder Wagen war mit einem Gleichstrommotor von 10 PS ausgestattet, der den Strom (180 Volt) über Schleifkontakte von hölzernen Scheibenrädern mit Eisenreifen erhielt.
Die Antriebskraft wurde über Stahlseile übertragen, und die Bahn erreichte eine Geschwindigkeit von etwa 20 km/h. Anfänglich wurden die Wagen nicht über eine Oberleitung, sondern über zwei Schienen mit Strom versorgt. Die dazugehörige Stromstation mit einer Dampfmaschine und einem Generator befand sich in der Nähe des Bahnhofs.
Am 12. Mai 1881 war es so weit: Der kleine elektrische Zug in Lichterfelde wurde offiziell getestet und abgenommen. Der reguläre Betrieb sollte am 16. Mai beginnen. Werner von Siemens berichtete in diesen Tagen stolz seinen Brüdern in England und Russland vom Erfolg und der werbewirksamen Resonanz des Projekts.
Der Bügelstromabnehmer

Am 23. Mai schrieb Siemens an William Siemens, dass nach den Tests jeder – vom Arbeitsminister bis zum einfachen Eisenbahnbauer – von der Zukunft dieses elektrischen Betriebes überzeugt sei. Zwei Tage zuvor hatte die Berliner Eisenbahnforschungsvereinigung Werner von Siemens während einer Exkursion nach Lichterfelde offiziell für seinen unermüdlichen Einsatz gelobt, durch den er Schwierigkeiten überwinden und etwas schaffen konnte, das deutschen Wissenschaften Ruhm und Ehre brachte.
Insgesamt wurden in den 1880er Jahren jedoch nur wenige elektrische Straßenbahnen von Siemens gebaut und betrieben. Erst als 1889 der Siemens-Ingenieur Walter Reichel ein zentrales Konstruktionsproblem durch die Entwicklung des Bügelstromabnehmers löste, begann der großflächige Einsatz von elektrischen Antrieben auf Eisenbahnen.